
Mit 15 hatte ich wahrscheinlich den blödesten Radunfall überhaupt, als ich bei strömendem Regen und mit plattem Reifen noch schnell versuchte, nach Hause zu radeln. In einer Kurve rutschte ich weg und fiel direkt mit dem Gesicht auf den Asphalt. Ich hatte kaum eine Schramme, aber Krümel im Mund, die sich als mein oberer Vorderzahn entpuppten. In der Zahnklinik bekam ich eine Krone auf seinen kläglichen Rest, die mit einem Stift in der Zahnwurzel verankert wurde. Hielt. Viele, viele Jahre. Entzündete sich nur und blutete gelegentlich vor sich hin. Und saß dann auch irgendwann nicht mehr so ganz fest, weswegen ich es konsequent vermied, in Äpfel zu beißen.
„Es tut mir leid, aber Ihr Zahn muss wirklich raus“, sagte mein Zahnarzt Anfang vergangenen Jahres. Er erklärte mir, dass meine Zahnwurzel offensichtlich gebrochen sei, ich deswegen eine chronische Entzündung im Mund hätte und es keine andere Möglichkeit mehr gäbe. An einem Dienstag im März verabschiedete ich mich also von meinem linken oberen Frontzahn. Das Ziehen war schmerzlos, der Anblick hinterher im Spiegel nicht. Ich hatte mich nach eingehender Beratung und Untersuchung entschieden, den fehlenden Zahn durch ein Implantat zu ersetzen. Der Haken war allerdings nicht nur, dass es die teuerste Lösung war – es war auch die langwierigste.
Denn mein Kiefer müsste erst mal verheilt und entzündungsfrei sein, um ein Implantat zu setzen, mein Zahnarzt veranschlagte dafür vier Monate. Und dieses Implantat müsse dann in Ruhe einwachsen, bevor man eine dauerhafte Krone draufsetzen kann, das seien fünf bis sechs weitere Monate.
Und bis dahin? Mein Zahnarzt reichte mir eine Art rausnehmbares Gebiss mit viel Kunststoff am Gaumen und nur einem Zahn. Ich setzte sie ein und bekam Würgegefühle. Ich sagte etwas und lispelte. Nie im Leben würde ich das Ding zehn Monate tragen können. Aber weglassen könnte ich es natürlich auch nie. Denn dann hätte ich ja eine riesige Lücke mitten im Gesicht. Und natürlich dürfte mich keiner, also wirklich NIEMAND, jemals so sehen. Ich konnte mich selbst ja nicht mal angucken.
„Sie müssen die Prothese zum Zähneputzen auf jeden Fall rausnehmen“, sagte mein Zahnarzt. „Zum Schlafen ist es auch besser ohne.“ Die ersten zwei, drei Wochen putzte ich mir die Zähne mit Blick nach unten ins Waschbecken. Ich nahm die Prothese erst raus, wenn im Schlafzimmer das Licht aus war, und setzte sie morgens als Erstes wieder rein. Ich lächelte wenig oder hinter vorgehaltener Hand, denn auch die Prothese war ja durchaus als Prothese sichtbar, wenn man deutlich hinguckte, was natürlich, dachte ich, ALLE machten. Wer bin ich ohne Vorderzahn? Hässlich. Wen trifft man, der keine Vorderzähne hat? Crystal-Meth-Opfer am Bahnhof.
Gleichzeitig schämte ich mich für meine Eitelkeit. Hängt mein Selbstvertrauen wirklich an einem Zahn und kann so leicht gezogen werden? Offensichtlich ja. Aber: Man gewöhnt sich an alles. Nach zwei Monaten sprach und aß ich nicht nur fehlerfrei, ich hatte die Lücke sogar meinem Freund und meiner Mutter gezeigt. Erstaunlicherweise mochten sie mich immer noch.
Nach vier Monaten konnte wie geplant mein Implantat gesetzt werden. Für die lange Einheilzeit wurde ein provisorischer Kunststoffzahn mit medizinischem Klebstoff an den Nachbarzähnen befestigt. Vom Möhren knabbern rate er ab, meinte mein Zahnarzt. Aber Form war wichtiger als Funktion. Auch wenn Leute komisch guckten, wenn ich selbst ein Fischbrötchen am Imbiss mit Messer und Gabel in kleine Happen schnitt.
Im Dezember bekam ich dann endlich die dauerhafte Krone auf das Implantat gesetzt und biss zur Feier des Tages in einen Apfel. Es war mein bestes Weihnachtsgeschenk. Wenn auch ein teures.

Zahnimplantat oder nicht? Was man wissen sollte
Was ist der Vorteil zu einer Brücke?
Während für deren Befestigung die Nachbarzähne beschliffen und dann auch mehr belastet werden als vorher, ersetzt ein Implantat nur den fehlenden Zahn. Dafür wird eine künstliche Wurzel aus Titan oder Keramik als Träger einer Krone fest im Kiefer verankert. Das kann bei guter Pflege prinzipiell ein Leben lang halten. Und fehlen mehrere Zähne, können zwei oder mehr Implantate als Pfeiler für Brücken fungieren – die Alternative zu einer Teilprothese.
Wie lange dauert das?
Muss ein Zahn gezogen werden, wird das Implantat meist erst nach der völligen Regeneration des Knochens – etwa nach drei Monaten – gesetzt. Manchmal ist es möglich, es schon nach wenigen Wochen oder direkt nach der Zahnentfernung einzusetzen („Früh-„ bzw. „Sofortimplantation“). „Dafür müssen aber die Bedingungen auf Patientenseite absolut perfekt sein, es erfordert sehr viel Erfahrung des Behandelnden, denn dieses Vorgehen birgt mehr Risiken“, sagt Dr. Leoni Spilker, Zahnärztin in Münster und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Implantologie.
Bis das Implantat in Ruhe mit dem Knochen verwachsen ist, darf es nicht belastet werden. Diese Phase wird mit einem provisorischen Zahnersatz überbrückt. Je nach Konzept vergehen bis zu drei, in einigen Fällen auch bis zu sechs Monate bis zum endgültigen Zahnersatz.
Kommt ein Implantat immer infrage?
„Es gibt wenige absolute Kontraindikationen“, sagt Leoni Spilker, „aber Risikofaktoren, bei denen man abwägen muss.“ Etwa bei Patient*innen, die sich einer Strahlentherapie im Mund-Kiefer-Bereich unterziehen müssen bzw. mussten. Oder bei schlecht eingestelltem Diabetes oder starkem Rauchen. Reicht die Knochensubstanz im Kiefer nicht aus, um ein Implantat sicher einwachsen zu lassen, ist ein Aufbau nötig, etwa durch Bohrspäne oder Knochenersatzmaterialien. In eher seltenen Fällen muss dafür bei einer Operation Eigenknochen aus dem Beckenkamm entnommen werden.
Zahlt die Kasse?
Nein, nur den Festzuschuss von 60 bis maximal 75 Prozent der Regelversorgung, also der Krone. Der Preis eines Implantats richtet sich nach Aufwand der Behandlung, Materialien, Labor- und ärztlichem Honorar. Für die chirurgische Behandlung muss man in einem einfachen Fall pro Implantat (ohne Kronenaufbau) mit mindestens 2500 Euro rechnen.
FOTOS GALLERY STOCK/ALEXANDER CRISPIN, ANDREAS SIBLER ■
